Nicht nur der komplizierte Name, sondern das seltene Auftreten der Erkrankung führt nicht selten zu Rat- und Hilflosigkeit bei Patienten und ihren Angehörigen, bei denen eine solche Diagnose gestellt worden ist. Häufig sind auch nicht alle Details dieser Erkrankung den betreuenden Ärzten oder dem medizinischen Personal bekannt, so dass die Patienten im Internet oder in großen Büchereien Hilfe suchen müssen. Ein kleiner Überblick über diese recht vielseitige und auch noch nicht in allen Details erforschte Erkrankung soll dazu beitragen, fehlende Informationen zur Verfügung zu stellen.
Der Name paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie (PNH) steht für eine Krankheit, bei der die roten Blutkörperchen sich vorzeitig innerhalb der Blutgefäße auflösen (intravasale Hämolyse). Sie ist eine erworbene Erkrankung und kann prinzipiell in jedem Lebensalter auftreten. Die PNH kann entweder direkt ohne vorausgehende Leiden oder auch als Komplikation anderer hämatologischer Erkrankungen wie der aplastischen Anämie und dem myelodysplastischen Syndrom auftreten. Oft finden sich Blutbildveränderungen wie eine Erniedrigung des roten Blutfarbstoffs (Hämoglobin), der Blutplättchen oder auch der weißen Blutkörperchen.
Durch die intravasale Hämolyse werden die zellulären Bestandteile der roten Blutkörperchen in den Blutgefäßen selbst freigesetzt. Ein wichtiger Bestandteil dieser Zellen ist das Hämoglobin. Kommt es zu einer größeren Freisetzung des Hämoglobins, wird dabei die Bindungskapazität der Bluteiweiße überschritten, was zu einer Ausscheidung des Hämoglobins durch die Niere und damit verbunden zu einer rotbraunen Verfärbung des Urins (Hämoglobinurie) führt. Neben der Hämolyse besteht bei Patienten mit PNH ein erhöhtes Risiko, venöse Thrombosen zu erleiden. Diese manifestieren sich nicht nur an gewohnter Stelle wie den Beinvenen, sondern sind außerdem auch an ungewöhnlichen Orten wie Lebervenen, Hirnvenen und Darmvenen vorhanden. Dabei kann es bei den Patienten zu kritischen Situationen kommen, durch die schwerwiegende Eingriffe wie z.B. Lebertransplantation erforderlich werden. Das Risiko, eine solche Thrombose zu erleiden, ist insbesondere bei Patienten mit gleichzeitig vorhandener Veränderung im Gerinnungssystem vorhanden. Im Verlauf der Erkrankung kann es zu weiteren Störungen der Blutbildung und in seltenen Fällen gar zu einer akuten myeloischen Leukämie (AML) kommen.
Im Gegensatz zu den häufigeren autoimmunhämolytischen Anämien sind es nicht Antikörper gegen die eigenen roten Blutkörperchen, die zum vorzeitigen Abbau der roten Blutkörperchen führen, sondern der Grund der Hämolyse liegt in der veränderten Struktur der roten Blutkörperchen selbst. Aufgrund einer erworbenen Veränderung in der Erbsubstanz der Zellen weist ein Teil der Blutzellen bei Patienten mit PNH einen Defekt einer Gruppe von Oberflächeneiweißen auf, die nicht konventionell, sondern über ein besonderes Ankermolekül (GPI-Anker) mit der Zellmembran verbunden sind. Zwei dieser Moleküle regulieren Complement, eine Gruppe von Eiweißen im Blut, deren Funktion darin besteht, Eindringlinge wie Bakterien oder Viren von außen fernzuhalten. Complement aktiviert sich an jeder Zellmembran, wenn es nicht durch diese Moleküle herabreguliert wird, was dann zu einem erheblichen Zellschaden bis hin zur Auflösung der Zelle führt. Genau dies passiert mit den roten Blutkörperchen bei den Patienten mit PNH. Diese Blutkörperchen werden durch das körpereigene Complement zerstört, weil sie es aufgrund der fehlenden GPI-verankerten Oberflächenmoleküle nicht herabregulieren können (Abbildung Aktivierung von Complement). Kommen weitere Faktoren wie Infektionen, die die Complement-Aktivität verstärken können, zu dem Status der PNH hinzu, kann die Hämolyse auch krisenhaft verlaufen, was dann oft dazu führt, dass der Hämoglobinwert weit absinkt und die Patienten notfallmäßig transfundiert werden müssen. Der Mechanismus, der zu venösen Thrombosen führt, ist jedoch bis heute ungeklärt.
Das Auftreten der GPI-defizienten Zellen im Blut der PNH-Patienten beruht auf einer Ausdehnung eines oder weniger einzelner Zellklone mit der oben beschriebenen Veränderung in ihrer Erbsubstanz im Knochenmark, dem Ort der Entstehung der Blutzellen. Diese Veränderung wird klonale Expansion genannt. Der Mechanismus der klonalen Expansion ist bis zum heutigen Tag nicht geklärt. Es ist durch Experimente in Mäusen lediglich geklärt, dass das Fehlen der GPI-verankerten Oberflächenmoleküle allein den Zellen keinen Wachstumsvorteil verschafft. Zwei Hypothesen werden zur Zeit für die klonale Expansion ins Feld geführt. Die eine Hypothese postuliert einen Selektionsmechanismus, durch den die normalen Zellen erkannt und eliminiert werden. Es bleiben die GPI-defizienten Zellen übrig, und das Knochenmark und periphere Blut werden von den GPI-defizienten Zellen dominiert. Die zweite Hypothese postuliert eine zweite Veränderung in der Erbsubstanz der klonalen Knochenmarkzellen, die das Zellwachstum beeinflusst (Abbildung Hypothesen). Ähnliche Veränderungen wurden bei Knochenmarkzellen von Patienten mit Myelodysplasie und Leukämie beobachtet. Welche der beiden Hypothesen sich als überlegen herausstellen wird, ist zur Zeit nicht geklärt.
Quelle: DLH-INFO Nr. 13 vom 06-12-2000, 5. Jahrgang (Auszug)
für weitere Informationen siehe auch PNH bei Wikipedia